Zweifach

Turnschuhe vor der Eingangstüre

Warum Mehrfach-Mütter so beliebt sind


Gefragte Leihmutter

Wenn ich wieder mal wissen will, wie gut es mir mit meinen zwei unter-vierjährigen Kindern geht, dann lade ich mir zusätzlich andere Kinder ein und gehe mit allen auf den Spielplatz – Basecap auf, Bollerwagen, Dreirad und Bobbycar, voller Rucksack und haufenweise Nerven dabei. Kinder vor Rutschen wegzerren, bevor ein paar fremde Füße sich durch den Mund bis zum Rachen gebohrt haben. Schaufeln suchen, anschaukeln, Kind vor Schaukeln wegzerren… Befindet man sich als Erwachsener allein auf einem Spielplatz, wird man automatisch und ungewollt Betreuer von ca. siebenundzwanzig völlig fremden Kindern, die plötzlich beim Geräusch des sich öffnenden Rucksackreißverschlusses in Trauben vor einem stehen und um alles betteln, was der Inhalt so hergibt. Und da Liebe bekanntlich durch den Magen geht, hat man im Handumdrehen neue Freunde gefunden. Und wenn diese dann irgendwie deinen Namen erfahren, dann hallt dieser plötzlich überall vom Spielplatz wider: „Yvooohonne, kannst mich anschubsen! Yvoooohonne, meine Schaufel ist weg, ich muss Pipi, mir fehlt ein Bein…“ – „Ja Moment, ich muss erst noch dem – wie heißt du eigentlich? – die Schale abmachen.“ Und am Ende dieser zwei Stunden, die sich anfühlen wie ein Tag, weiß man, wie gut es einem geht mit seinen zwei kleinen Fruchtfliegen.

Nur eins

Einfachmütter müssen ein dickes Fell haben, sie können in Spielgruppen nur zuhören, wie andere über Eifersucht, Streit, Angeberei und Organisation diskutieren. Sie haben keine Ahnung von der emotionalen Zerrissenheit, unter der Mehrfachmütter leiden, und sie können dem Kind alle Aufmerksamkeit der Welt zukommen lassen. Sie haben tatsächlich Zeit, wenn das Kind schläft, und halten Verabredungen fast immer pünktlich ein. Sie haben meist einen Arm besser trainiert als die Mütter, die zwei Hüftsitze haben, und sie kümmern sich gern auch mal um ein fremdes Kind, entweder zum Üben, weil sie noch eines planen oder weil sie keins mehr wollen und den Kick brauchen, wenn sie es wieder zurückgeben. Aber meist dümpeln sie auf Spielplätzen nur einsam zwischen den Vielfachen herum, stoßen auf einer Bank im Schatten mit sich selber mit ihrem Prosecco an und lauschen den engagierten Gesprächen der anderen Mütter. Und wenn sie es wagen, kleinlaut anzumerken: „ Aber eure Kinder haben wenigstens immer einen Spielkameraden um sich..:“ – „Waaas!!!“

Vorteile von Vielfachmüttern

  • Man züchtet sich eigene Babysitter heran. Große Kinder können gebeten werden, auch mal auf die kleineren aufzupassen.
  • Man kann das Jammern zelebrieren, und keiner wird es wagen, auch nur einen Ton dagegen zu sagen.
  • Man muss keine Klamotten für die Kinder kaufen. Die Kinder tragen nacheinander alles auf.  So lernen sie, dass man nicht immer „hip“ sein muss, Bob der Baumeister ist schließlich  ein Dauerbrenner über Jahrzehnte und Rosa steht auch einem angehenden Alphatier gut. Verbiete deinem Jungen nicht, einmal das Kleid der Schwester anzuprobieren. Es ist nur ein Phase und hat nichts mit seinen sexuellen Vorlieben zu tun. Eben.
  • Man muss sich selbst keine Kleidung mehr kaufen, denn erstens passt man nach dem dritten Kind sowieso nur noch in oversized Leggings, zweitens reduzieren sich die „Schickes-Kostüm-Gelegenheiten“ auf ein vernachlässigbares Minimum und drittens WILL einen niemand mehr sehen in oversized Leggings und Schlabber-T-Shirt.
  • Man stapelt haufenweise Bestellkataloge und kann bald besser mit dem eigenen Computer umgehen inkl. Internetzugangsprobleme lösen als der Mann. Mama wird zum multimedialen, immer hungrigen Konsumetarier.
  • Katastrophen gehen völlig an einem vorüber. Und das ist gut so. Wer will schon was von Tsunamis wissen, wenn man gerade mit hochgekrempelten Hosen bis zu den Knöcheln im Wasser stehend die Folgen einer ausgelassenen Badeparty beseitigen muss. Und wen interessieren schon Hungersnöte in Afrika, wenn alle eineinhalb Stunden ein scheinbar fast verhungertes Kind an der Brustwarze zerrt.
  • Die Vielfachmutter lernt mit Geld umzugehen, da sie keines mehr hat, und Urlaub im eigenen Land ist doch superschick.
  • Wenn man es geschickt anstellt, kann man sein Recht auf fünfzehn Minuten Ruhm einlösen, indem man seine Kinder vor laufender Kamera ankeift, um dann heulend die Ratschläge der TV-Pädagogin zu befolgen.

Nachteile von Vielfachmüttern

  • Die Tatsache, dass bei jeder neuen Geburt etliche Gehirnzellen dem Stillwahn zum Opfer fallen, lässt die Vielfachmutter zu dumpfen Gebärmaschinen mutieren. Die Stilldemenz kann aber unter Umständen auch von Vorteil sein.
  • Man hat keinerlei Kontakt mehr zur Außenwelt, mit modischen Neuerungen wird man in der Krabbelgruppe oder im Sprechzimmer des Kinderarztes bekannt gemacht und Sturmwarnungen erfährt man frühestens durch die sich biegenden Bäume und rennenden Menschen vor dem Fenster.

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Dieser Artikel ist entnommen aus:

Das Mama Trost-Buch – Auch andere Mütter erziehen Monster
Verfasser: Yvonne de Bark
13,6 x 21 cm
208 Seiten
ISBN 978-3-8000-7355-9